top of page
Search

Started from the bottom... und wir können jetzt schon nicht mehr

  • Writer: Anna
    Anna
  • Nov 28, 2019
  • 8 min read

Updated: Apr 6, 2020

So langsam wird es hier endlich richtig Sommer und meine Zeit neigt sich dem Ende entgegen, und das, wo wir gerade richtig gute Beziehungen zu vielen Kindern aufgebaut haben. Mir wird hier sehr vieles fehlen, denn irgendwie ist es hier, obwohl ich das am Anfang nie geglaubt hätte, wie ein zweites Zuhause geworden. Die Kinder, meine Mitbewohner und auch der ganze Stress und Trouble der hier dazugehört. All das hat meinen Tag immer wieder aufs Neue bereichert, denn man weiß nie, was auf einen zukommt.

In den vergangenen Wochen haben wir das gute Wetter genutzt und waren so gut wie jeden Tag mit den Kindern draußen und haben gemeinsam gespielt. Solche Momente sind einfach wunderbar. Denn selbst wenn man es nicht glauben mag, können auch diese Kinder hier sehr einfühlsam und nachdenklich sein.

Als ich einfach einen schlechten Tag erwischt habe, alles nicht so rund lief, mein Lieblingskind (ja ich weiß, man sollte keine Lieblingskinder haben) mich seit Tagen ignoriert hat und als schon wieder Kinder versuchten bei uns einzubrechen ich von einem geschlagen wurde, saß ich mit den anderen unten bei den Kindern und hatte Tränen in den Augen. Es war einfach so ein Tag, wo man am liebsten mal losheulen möchte, aber garnicht so genau weiß, warum eigentlich. Als Tamara, eine der kleineren Kinder, mich da so sitzen sah, setzte sie sich auf meinen Schoß, schaute mir in die Augen und fragte mich, warum ich denn weinte. Ich sagte ihr, dass ich einen schlechten Tag hatte und sie nahm mich ganz fest in den Arm, wischte mir mit ihren kleinen Händen die Träne aus dem Gesicht, die gerade runterlief und sagte mir, dass sie mich lieb hat. Mir wird es wirklich schwer fallen, einige von den Kindern hier zurückzulassen.

Und auch unsere To do - Liste haben wir in den vergangenen Wochen weiter abgearbeitet, sodass ich mich mit Maja dazu entschlossen habe, den Tafelberg hochzuwandern.

Die anderen waren schon einen anderen Tag oben, als wir allerdings arbeiten mussten, und haben den “kurzen” Weg nach oben genommen, ca. 2-3h. Aufgrund der negativen Rückmeldungen, der Weg sei absolut nicht toll gewesen, entschieden wir uns dazu, den Skeleton George Hike zu nehmen. Bis zum Cable Car waren das dann gute 5h Weg. Schon nach 10 Minuten hörte ich Maja hinter mir: “Anna, ich kann nicht mehr!”.

Und auch ich habe es nicht gesehen, dass wir dort oben jemals ankommen werden. Jedes Mal, wenn wir jemanden nach dem Weg fragten, denn Beschilderungen waren eher spärlich vorhanden, wurden die Augen immer größer. “Yohoo, that’s a really long hike, are you sure about that?”. Die Zeit verging gefühlt kaum und wir liefen über Millionen Stufen, einen Wasserfall hinauf, kletterten über Felsen, Leitern immer weiter Richtung Ziel, bis es auf einmal sandig wurde und vor uns ein riesiger See auftauchte. Nach kurzer Verwirrung machten wir neben anderen Wanderern eine kleine Pause und fragten mal wieder nach dem Weg, gleiche Reaktion, es war ja klar, und dann liefen wir los. Über einen Damm, und dann den Berg hinauf. Als wir dachten wir hätten es endlich geschafft, fiel ich den Berg fast rücklings wieder hinunter. “Das ist ein Scherz.”

“Was ist los?”

“Komm mal einen Felsen höher und schau dir das an.”

Wir standen also beide oben auf dem Berg, komplett verschwitzt, es wurde immer windiger und kälter, und blickten auf einen zweiten Berg, der noch höher war.

Also liefen wir den ersten wieder schön hinunter, um uns dann auch noch den zweiten gegen den Wind hochzukämpfen. Nach gut 30 Minuten kamen wir oben an, aber die Aussicht genießen konnten wir beide dann leider nicht mehr so wirklich. Vollkommen durchgefroren wehten wir oben auf dem Tafelberg rum, machten ein paar Fotos um dann so schnell wie möglich ins Warme zu kommen, wie die anderen abertausende Touristen auch. Fazit: Es war schön. Schön anstrengend. Schön anzusehen. Schön erlebt zu haben. Aber die Aussicht vom Lion‘s Head, bietet mir persönlich viel mehr! Dort ist es nicht so überlaufen und man kann die Aussicht einmal von allen Blickwinkeln genießen, dafür ist beim Tafelberg einfach zu viel Gestein und Mensch im Weg. Abgesehen von unserem abenteuerlichen Ausflug, wo viele Deutsche unterwegs waren, habe ich diese Woche noch ein Stück Zuhause gehabt, denn ich hatte Besuch! Völlig spontan und eigentlich eine Person, mit der ist garnicht gerechnet hätte, aber ein Freund von meinem Papa kam mit seiner Freundin und ihrer Tochter nach Kapstadt! Also trafen wir uns zum Essen an der Waterfront und es war schön sich mit vertrauten Gesichtern zu unterhalten, obwohl ich mich in der kurzen Zeit echt schnell und gut an meine Mitbewohner gewöhnt habe. Wie zu erwarten waren die Drei von meiner Wohnsituation und der Tatsache, dass wir vom Kinderheim als “gesunde und ausgewogene Mahlzeiten“ tatsächlich nur Donations von Supermärkten gestellt bekommen und unseren Teller zwar einreichen können, es bei Vegetariern aber immer bei Reis, Karotten und Butternut bleibt, und auch das eher einseitig ist, ziemlich geschockt. Tatsächlich habe ich mich hier so an die Umstände gewöhnt, ob es jetzt Kinder sind die Probleme machen, das Essen hier, die Sauberkeit (gut da habe ich mich immer noch nicht ganz dran gewöhnt, dass so manche es nicht einsehen, ihr Geschirr und ihren Müll direkt wegzuräumen, sondern alles stehen und liegen lassen), und auch die Arbeitszeiten, dass ich die Empörung der Drei mit einem Lächeln entgegennahm.

Als Papas Freund meinte, dass ich mit Sicherheit froh bin, dass meine Reise bald weiter geht. Dass da ein „Nicht so wirklich“ als Antwort kommt, damit hat glaube ich keiner gerechnet, ich glaube nicht mal ich. Denn ich selbst hätte nie gedacht, dass ich mich an all das hier so gut gewöhnen werde und all die Dinge, die mich am Anfang gestresst und gestört haben, irgendwie lieben lernen werde. Und so wünschte ich mir tatsächlich, dass meine Zeit noch nicht um ist.

Ich nahm einen Uber zurück zum Kinderheim, es war schon recht spät, und ich hatte tatsächlich ein wenig Respekt davor, alleine bei jemand Fremden mitzufahren. Als ich mit Papas Freund da stand und auf den Uber wartete und irgendwie keiner kam, rief ich ihn an. Jemanden an der Waterfront zu finden, die tausend Eingänge hat, ist einfach furchtbar. Endlich war er da, ich verabschiedete mich und stieg ein. Er fing direkt an zu reden aber nur kurz. Drehte dann die Musik auf. Old Town Road. Und sang mit. Es war sogar richtig gut. Irgendwie war es beruhigend, durch die Straßen zu fahren, die mittlerweile alle schon mit Lichterketten geschmückt sind und jemanden neben einen sitzen zu haben, der super gut gelaunt ist.

Er drehte die Musik leiser, fragte mich ob ich in Kapstadt arbeite, ich sagte ihm, dass ich als Freiwillige im Kinderheim arbeite, er war begeistert, drehte die Musik wieder auf. Wir fuhren auf die Autobahn, er wurde langsamer, fuhr links ran, setzte den Warnblinker, ein mulmiges Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, er drehte die Musik leiser und flüsterte: “I need to pee, is it okay?“ „Sure?“

Also stand der gute Ndumiso mitten auf der Autobahn am Seitenstreifen und entleerte seine Blase. Er steigt wieder ein: “Let’s go.” Und fing an zu lachen.

Den Rest der Fahrt verbrachte er damit, bei jedem Lied mitzusingen und mit seiner Hand die typische HipHop Bewegung zu machen.

Ich verkniff mir ein Lachen und kam zum Glück heile an. Gestern war mein letzter “no volunteer-day” welcher nicht so ausfiel wie erwartet. Unsere beiden Managerinnen, von denen wir alle nicht soo viel halten, saßen an einem Tisch vor uns und wir im Halbkreis um sie herum. Uns war schon vorher bewusst, dass die beiden etwas merkwürdig sind, aber das gestern hat es dann nochmal bestätigt.

Da sich ein kleiner Vogel in der activity hall, dort wo wir saßen, verirrt hatte, waren die beiden der Meinung, unsere drei Jungs sollten ihn doch rausscheuchen. Dass das Ganze bei extrem hohen Decken nicht ganz so einfach ist, war ihnen wohl nicht bewusst, so dass eine der beiden auf einmal meinte, wir sollen alle leise sein und Vogelgeräusche machen. 18 Freiwillige tauschten irritierte Blicke aus, bis einer unserer Jungs anfing zu bellen und der Vogel tatsächlich rausflog. Das Management war so begeistert von dieser herausragenden Leistung, dass es nur so vor Euphorie sprühte. Naja, wir sind ja auch immernoch in einem Kinderheim. Nachdem die eine wie so oft sehr viel redete und sich dabei einfach immer und immer wieder wiederholte.

Die andere Managerin fing auf einmal an, Fotos von uns zu machen, setze sich dabei auf den Boden und zeigte vollen Körpereinsatz.

Als sie dann wieder neben ihrer Vorgesetzten saß, versuchte sie Fotos von ihr zu machen. Die Managerin fand das nicht ganz so lustig, sie hingegen haute sich total weg und lachte Tränen, so dass auch wir alle loslachen mussten.

Dann kamen die beiden auf eine wunderbare Idee: Lasst uns doch gemeinsam Spielen! Zuerst reichten wir bei furchtbarer Musik ein Paket an unseren Nebenmann, bis die Musik stoppte. Dann durfte man eine Lage Papier entfernen und einem fiel ein kleines Geschenk entgegen. Wir waren begeistert, dass sie sich mal was für uns ausgedacht haben. So nächstes Spiel, alle Schuhe ausziehen. Angeekelte Blicke. Obwohl wir alle unsere Standards ganz schön runtergeschraubt haben, wollten wir nicht unbedingt barfuß über den dreckigen Boden laufen. Aber nun standen wir da und durften zu genauso komischer Musik ‘Reise nach Jerusalem‘ spielen. Das System dahinter hatte unsere Co-Managerin nicht so durchblickt und so kam es dazu, dass mal niemand oder mal zwei keinen Stuhl hatte. Anschließend wollte dann die Managerin eine Dance Competition starten. Sie war in meiner Gruppe und wir sollten in 5 min. eine Choreo entwickeln. Ihr dürft raten... natürlich wieder zu ganz komischer Musik. Unsere Managerin war in meiner Gruppe und war Feuer und Flamme... etwas super peinliches auf die Beine zu stellen.

Also “tanzen“ wir und machten merkwürdige Dinge. Als all das vorbei war, gingen wir die Treppen hoch und standen vor einer riesigen Tafel die weihnachtlich eingedeckt war, es lief Weihnachtsmusik, jeder hatte ein Geschenk auf deinem Platz liegen und es gab ein ‘3 Gänge Menü‘, wenn man es denn so nennen kann. Damit haben wir alle nicht gerechnet und waren wirklich begeistert.


Aber das war wieder nur eine Aktion, die uns ewig vorgehalten wird. Denn als ein paar von meinen Mitbewohnern heute ins Büro mussten, fragte unsere Managerin die andere, ob sie denn noch ein paar Dankesnachrichten erhalten hat. Ein mündliches Dankeschön direkt danach war also nicht genug.

Heute bin ich dann mit einem unserer Kinder und meinen drei Mitbewohnern zu seiner Preisverleihung gefahren. Der Direktor, ein Mensch, der die Empathie eines Flugzeugträgers besitzt, sprach in seiner Eröffnungsrede, welche alleine schon 30 Minuten dauerte, erstmal nur die “Mum‘s & Dad‘s an und dann davon, wie stolz die Eltern doch auf ihre Kinder sein können und dass die Kinder es alle lieben und schätzen sollten, solch wunderbare Familien zu haben, die einen so unterstützen. Denn es gibt ja so viele in diesem Land und vielleicht auch welche auf dieser Schule, die keine haben, etc. Alles lief super gespielt ab, es wurde bei jedem Kind brav geklatscht und jedes Kind, was eine hervorragende Leistung erbracht hat, bekam einen Preis. Meine Mitbewohner beschlossen, dass wir für unser Kind aufstehen und jubeln, um dem Direktor zu zeigen, dass man auch ohne Familie Leute haben kann, die stolz auf einen sind.

Alle schauten uns an und grinsten, manche belächelten uns auch, aber das war uns in dem Moment nicht wichtig, denn er stand dort vorne und war super stolz.


Eben bin ich dann nun, 2h zu spät, in meine letzte Nachtschicht reingestolpert. Denn unsere Jungs hatten dem Kleinen Essen von McDonalds versprochen.

Aber im Endeffekt hatten wir ein glückliches Kind, ich 2h weniger Arbeit und zum Glück keinen Ärger.


Zu guter letzt will ich noch erwähnen, dass es super merkwürdig ist, dass die Weihnachtszeit jetzt los geht. Zuhause alle mit Glühwein in der Hand zu sehen oder mittlerweile auf dem Weihnachtsmarkt ist super komisch.

Noch mehr verwirren tut mich aber die permanente Weihnachtsmusik und Dekoration, die man jetzt überall hört und sieht.

Ob beim einkaufen, in der Kirche oder hier im Kinderheim. Und das bei 30 Grad aufwärts.

Also wirklich in Weihnachtsstimmung komme ich dieses Jahr glaube ich nicht.

Aber mal sehen wie es in Namibia ausschaut.



 
 
 

Comments


Post: Blog2_Post

©2019 by Hakuna Ma Blog. Proudly created with Wix.com

bottom of page